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Sektierertum überwinden

„Ein offenes Herz“ für alle Traditionsrichtungen

Dzongsar Jamyang Khyentse Rinpoche

Ein Interview mit Dzongsar Jamyang Khyentse Rinpoche

Im Tibetischen Buddhismus findet die traditionsübergreifende, liberale Rime-Bewegung immer mehr Anhänger. Vor allem westlich orientierte Lamas wie Dzongsar Khyentse Rinpoche sind der Überzeugung, dass alle Methoden und Schulen gleichwertig sind, solange der Kern des Buddhismus nicht verloren geht.

Das Interview führte Doris Wolter

Buddhismus aktuell: Der tibetische Buddhismus scheint heute unter Seiner Heiligkeit dem Dalai Lama recht einzigartig und geeint zu sein. Aber was lief im 19. Jahrhundert vor Entstehen der Rime-Bewegung falsch? Sehen Sie Probleme darin, wie tibetische Lamas heutzutage den Dharma präsentieren?

Dzongsar Khyentse Rinpoche: Bei allem Respekt muss ich sagen: Sobald die Lamas in Tibet eine politische Rolle übernommen haben, hat das etwas ausgelöst. Natürlich liegt Sektierertum in der Natur der Menschen. Ich spreche hier nicht von der absoluten Natur, sondern von der menschlichen Natur, die sich selbst liebt, andere hasst oder nicht mag und selbstsüchtig ist. Auch im Dharma war das immer vorhanden, selbst in Indien. Bis heute akzeptieren die Shravakas in Sri Lanka oder Thailand das Mahayana nicht als eine Lehre des Buddha.

Ich denke, in Tibet war der größte Fehler, dass die Lamas eine politische Funktion übernommen haben. Das entzündete und stimulierte das Sektierertum wirklich. Heutzutage sieht der tibetische Buddhismus geeint aus, aber ich frage mich, wie einheitlich er wirklich ist.

Meine Generation – oder zumindest einige von uns – versuchen anders zu denken, wir versuchen Dharma als Wissenschaft zu sehen, als eine Art Studium. Wenn man an der Harvard-Universität, in Berlin oder sonst wo ein Heilmittel für eine Krankheit sucht und vier Professoren daran arbeiten, gibt es immer vier Sichtweisen. Alle sind willkommen, doch alle haben das gleiche Ziel.

Ich habe unterschiedliche Herangehensweisen, aber hier ist meine Einstellung folgende: Jede der vier Schulen des tibetischen Buddhismus liefert einen wunderbaren, reichhaltigen Beitrag. Und was in der Natur aller Menschen liegt, trifft besonders auf die Tibeter zu: Tibet hat verhältnismäßig wenige Einwohner und eine sehr stammesbezogene, territoriale Gesellschaft, deshalb wurde das Sektierertum geradezu ermutigt. Bis heute traue ich manchen älteren Lamas nicht, die nicht hart genug daran gearbeitet haben, Sektierer zu entmutigen. Der Dalai Lama braucht hier viel mehr Unterstützung.

Buddhismus aktuell: Die Situation des Buddhismus ist heute besonders im Westen sehr zerrissen, und uneinheitlich. Wie können wir heute von der Rime-Tradition lernen? Und was ist Rime eigentlich?

Dzongsar Khyentse Rinpoche: Letztendlich ist Rime die Quintessenz der Praxis des Buddhismus: keine Begierde, kein Zorn, keine Unwissenheit. Jamgön Kongtrul Lodrö Thaye und besonders Jamyang Khyentse Wangpo waren zu ihrer Zeit sehr besorgt, dass eine der Traditionsrichtungen ausgelöscht werden könnte, daher sammelten sie sehr viele Belehrungen und stellten sie zusammen. Rime ist eine Einstellung, es ist wie ein offenes Herz. Wie in dem Beispiel der Universität mit den vier verschiedenen Forschungsabteilungen: statt sich nur auf eine oder zwei zu konzentrieren, geht es hier darum - wirklich das Herz zu öffnen. Letztendlich sind alle authentisch und sie sind alle wirklich gut. In der Rime-Bewegung geht es um das Entwickeln dieser Einstellung. Rime ist wirklich großartig.

Buddhismus aktuell: Lässt sich der Rime-Gedanke nicht nur auf Buddhismus, sondern auch auf andere Religionen anwenden?

Dzongsar Khyentse Rinpoche: Wenn man das große Bild hat, hilft das, eine nichtsektiererische Einstellung oder Rime zu entwickeln. Wenn wir nämlich über alle wichtigen Religionen der Welt sprechen, dann müssen wir wirklich ein großes Bild haben. Es geht um Weltfrieden, Harmonie und darum, die Erde zu schützen. Von dieser Warte aus ist eine nichtsektiererische Einstellung sogar notwendig. Wenn wir innerhalb des Buddhismus von Rime sprechen, sollten wir unsere Linienzugehörigkeit vergessen, wir sollten wirklich über den Buddha und seine Lehren nachdenken. Um die Rime-Einstellung zu entwickeln, ist es extrem wichtig, diese Art der Vogelperspektive zu haben.

Buddhismus aktuell: Könnten Sie bitte etwas zu dem Zitat Ihres Vorgängers, Jamyang Khyentse Chökyi Lodrö, sagen: „Man sollte seine eigene Tradition praktizieren und dabei offen sein für alle anderen!“?

Dzongsar Khyentse Rinpoche: Nun, genau darum geht es! Rime bedeutet nicht, dass Sie aus allen anderen Traditionen Teile kopieren und dann eine neue Religion gründen. Wenn Sie Kopfschmerzen haben, nehmen Sie die Mittel, die Ihnen bei Kopfschmerz am besten helfen. Es ist nicht nötig, Medikamente für Zahnschmerzen zu verdammen. Darum geht es im Grunde! Jemand anders hat eben Zahnschmerzen, und für den sind die Medikamente gegen Zahnschmerzen wichtig.

Buddhismus aktuell: Unser moderner spiritueller Supermarkt hat die verschiedensten Traditionen und Linien aus allen Kulturen im Angebot. Welcher Nutzen und welche Risiken liegen darin?

Dzongsar Khyentse Rinpoche: Ich denke, wenn nichts falsch läuft, hat der Westen dadurch, dass er – was den Dharma angeht – frisch ist, gute Chancen … – und falls die Westler sich dem Buddha-Dharma deshalb nähern, weil sie nach dem spirituellen Weg suchen. Es gibt da zwei Wege, entweder will man Buddhist sein oder Tibetologe. Die westliche Herangehensweise, intellektuell an den Buddha-Dharma heranzutreten, ist sehr gut. Ich denke, dass Westler nicht diese territoriale Mentalität der Tibeter haben. Jeder kann seinen eigenen Weg gehen. Das schadet dem Buddhismus nicht. Die Leute meinen, sie seien Bayern, Pariser, Londoner … und das schadet nicht, solange es nicht um Klöster und ihre Einzugsgebiete geht. Aber leider erziehen einige Tibeter die Westler momentan – zum Teil auf sehr subtile Weise – dazu, sektiererisch zu sein, und das ist nicht gut.

Buddhismus aktuell: Es gibt Menschen, die versuchen, Buddhismus für den Westen neu zu definieren. So Govinda und Sangharakshita, die im 20. Jahrhundert versuchten, neue Varianten zu schaffen, indem sie die drei Yanas kombinierten. Sind Sie besorg, wegen dieser neuen Formen des Buddhismus?

Dzongsar Khyentse Rinpoche: Solange der wesentliche Kern des Buddhismus nicht verloren geht, kann man die Methode wohl verändern, schätze ich. Aber wir müssen vorsichtig sein, denn wir wollen keine neue Religion gründen, davon gibt es bereits genug. Es gibt ein paar sehr wichtige Punkte in dem, was der Buddha sagte, wie „Alles ist Leerheit“ oder „Alle zusammengesetzten Dinge sind vergänglich“. Das kann man nicht verändern oder an die westliche Gesellschaft anpassen. Man kann nicht sagen: „In New York gibt es aber ein paar Dinge, die dauerhaft existieren.“

Buddhismus aktuell: Was braucht der Buddhismus, um im 21. Jahrhundert zu überleben? Sehen Sie eine Gefahr in der Vermischung und dem Neu-Erfinden des Buddhismus?

Dzongsar Khyentse Rinpoche: Diese Gefahr hat es schon immer gegeben. Wir sollten uns stets bewusst sein, dass Weisheit am wichtigsten ist. Ohne eine Methode, ohne geschickte Mittel, kann Weisheit nicht überliefert werden. Eine Methode ist notwendig. Ich verstehe, dass Methoden in verschiedenen Teilen der Welt und zu unterschiedlichen Zeiten ein bisschen verändert werden müssen. Das war schon immer so. Das Problem liegt darin, dass Methoden oft mit Weisheit verwechselt wurden, und an dieser Stelle wird es gefährlich!

Buddhismus aktuell: Meinen Sie, der tibetische Buddhismus muss sich in Zukunft sehr verändern?

Dzongsar Khyentse Rinpoche: Der Buddhismus selbst nicht, niemals! Was die Tibeter angeht, meine ich persönlich, dass Tibeter, die wirklich lehren wollen, die Botschaft des Buddha überbringen sollten und aufhören sollten, ‚Tibetismus‘ zu lehren.

Buddhismus aktuell: Was wäre Ihr Rat für diejenigen, die erwägen, den Buddhismus als ihren spirituellen Weg anzunehmen?

Dzongsar Khyentse Rinpoche: Wenn die Person beispielsweise 45 Jahre alt ist und vielleicht noch fünf Jahre zu leben hätte, würde ich sagen, dass sie ein Jahr sehr skeptisch sein und den Buddhismus studieren sollte. In den folgenden vier Jahren sollte sie nur noch praktizieren.

Buddhismus aktuell: Wie sollte diese Person mit der Vielfalt der Wege umgehen? Wie findet man den eigenen Weg?

Dzongsar Khyentse Rinpoche: Das ist schwierig. Manchmal sucht man nicht selbst, manchmal wird nach einem gesucht. Das hängt von ihrem Karma ab.

Das Interview wurde in Bir, Himachal Pradesh, Indien, am 05.01.07 von Doris Wolter geführt. Transkript: Claudia Bueler; Deutsche Übersetzung: Anja Quathamer; Redaktion: Anja Quathamer und Doris Wolter

Mit freundlicher Genehmigung von Doris Wolter.

Über den Autor

Dzongsar Jamyang Khyentse wurde 1961 in Bhutan geboren. Er ist ein Schüler von Khenpo Appey Rinpoche. Als Oberhaupt des angesehenen Dzongsar-Klosters und der Dzongsar-Mönchsschule ist er verantwortlich für das Wohl und die Erziehung von etwa 1.600 Mönchen, die in sechs verschiedenen Klöstern und Instituten in Asien leben. Er leitet auch die Organisation „Siddharta’s Intent“, zu der sechs Lehr- und Praxiszentren rund um die Welt gehören, sowie zwei gemeinnützige Organisationen, die „Khyentse Foundation“ und „Lotus Outreach“. Dzongsar Jamyang Khyentse beriet Bernardo Bertolucci für den Film „Little Buddha“. Sein Buch „Weshalb Sie (k)ein Buddhist sind“ ist in den USA ein Bestseller und erschien im September 2007 im Windpferd Verlag. Er schrieb das Drehbuch und führte die Regie zu zwei Spielfilmen: „Spiel der Götter“ und „Travellers and Magicians“.

Kontakt: www.khyentsefoundation.org und www.siddharthasintent.de

Glossar und Literaturhinweise

Rime (tibet. „Unparteiische“), im 19. Jahrhundert in Osttibet entstandene ökumenische Reformbewegung, die gegenüber dem zunehmenden Sektierertum der bestehenden Schulen einen traditionsübergreifenden Ansatz vertrat (Harenberg, Lexikon d. Weltreligionen).

Zur Geschichte der Rime-Bewegung

  • Offene Weite - freier Geist? Die nicht-sektiererische Rime-Bewegung im tibetischen Buddhismus“ von Jürgen Manshardt, DHARMATA VERLAG, Berlin 2007
  • „The Ri-Me Philosophy of Jamgon Kongtrul the Great: A Study of the Buddhist Lineages of Tibet“ by Ringu Tulku. Shambhala Publications, Boston 2006, ISBN 1590302869

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