Sektenstrukturen in buddhistischen Gruppen - zum Hintergrund dieser Seiten
Es ist mir, einem
buddhistischen Mönch, ein Anliegen darüber zu informieren,
dass es buddhistische Gruppen gibt, in denen sich Sektenstrukturen
entwickelt haben. Diese Internetseite bietet Prüfkriterien an,
versucht Ursachen zu beleuchten und menschliche Schwächen, die zu
solchen Phänomenen führen.
Für das Hinterfragen der eigenen Entwicklung oder der Entwicklung
in einer Gruppe, bedarf es lediglich der Offenheit, des Mutes, der
Ehrlichkeit - auch sich selbst gegenüber, ausreichender
Information und des gesunden und kritischen Menschenverstandes.
Notwendigkeit dieser Seiten
Warum eine Privatinitiative von einem Buddhisten zu diesem Thema?
Ich habe selbst diesbezüglich Erfahrung gesammelt und kenne eine
ganze Reihe von Leuten mit ähnlichen Erfahrungen und bin mir
über die personenschädigenden und negativen sprirituellen
Auswirkungen sehr bewusst.
Eigentlich ist es meines Erachtens die Funktion von übergeordneten
Organisationen, wie der Deutschen Buddhistischen Union (DBU), solche
Dinge anzugehen. Auch gibt es die Sektenbeauftragten des Senats von
Berlin, bzw. der jeweiligen Länder und auch kirchliche
Beratungsstellen. Ich habe mit den jeweiligen Stellen kommuniziert und
trotz positiver Erfahrungen habe ich das Gefühl, so eine
‚Prozess’ dauert ewig bzw. es geht sehr zäh voran.
Pfarrer Gandow empfahl mir ganz klar, dass die Buddhisten hierfür
selbst die Verantwortung übernehmen sollten. Das tue ich hiermit
und hoffe etwas in Gang zu setzen, was einen fruchtreichen Schutz der
Buddhismus-Offenen und Interessierten bewirkt, fern von schwarz-weiss
und gut-und-böse Denken.
Die Deutsche Buddhistische Union (DBU) und das Thema »Sekten«
Im Jahre 2003 sandte ich einen
Erfahrungsbericht an die DBU, auf den ich allerdings keine Antwort
erhielt. Gegen Ende 2004 setzte sich vor allem Franz Johannes Litsch
(ein ehemaliges Ratsmitglied der DBU) vehement für eine
Bewusstwerdung und Auseinandersetzung mit dieser Problematik innerhalb
der DBU ein.
Als Ergebnis seines Einsatzes stellte sich die Deutsche Buddhistische Union mit Beginn des Jahres 2005 dann offen dieser Thematik und begann
sich mit diesem Thema tiefer auseinanderzusetzen. Hier der
Auszug aus einem Email, das ich am 05.02.2005 vom
stellvertretenden Ratsvorsitzenden der DBU, Hans Erich Frey, erhielt:
»...Im
übrigen hat die breit geführte Diskussion zur neuen Satzung
und zum Bekenntnis erneut einen klaren Konsens darüber erbracht,
dass der Rat der DBU keine 'Glaubenskongregation' darstellt. Allen
Versuchen, den Rat in diese Richtung zu bewegen, werden wir nicht
folgen. Natürlich ist es jedem Buddhisten unbenommen,
seine Meinung öffentlich zu äußern. Hierfür steht
u.a. das Forum zur Verfügung. Das macht eine Aussprache auch zu kontroversen Themen möglich.
Als Fazit unserer
Diskussion beauftragt der Rat die AG-Zukunft, eine Stellungnahme zum
Thema "Sekten" zu erarbeiten. In die Diskussion hierüber sollen
alle Mitgliedsgemeinschaften und deren "Fachleute" einbezogen
werden. Damit wollen wir eine breite, traditionsübergreifende
Meinungsbildung erreichen. Den Mitgliedsgemeinschaften und
Einzelmitgliedern steht es dann offen, sich mit Hilfe einer
solchen Handreichung mit Fehlentwicklungen innerhalb der eigenen
Traditionslinie auseinanderzusetzen.«*
Im Juni 2005 fand in Dinkelscherben (bei Augsburg) das erste Treffen der DBU-Gruppe "AG-Zukunft Thema 'Sekten'" im Bodaisan Shoboji statt. Das 2. Treffen folgte im Januar 2006 am selben Ort.
Im April 2007 wurde auf der
Mitgliederversammlung der DBU einstimmig eine Handreichung
verabschiedet, die das Ergebnis des im Jahr 2004/2005 begonnenen
Prozesses ist. Diese Handreichung "Orientierungshilfe - heilsame und
unheilsame Strukturen in Gruppen" ist nunmehr als PDF-download bei der Deutschen Buddhistischen Union erhältlich.
Für weitere Informationen wenden Sie sich bitte direkt an die DBU.
↑ zurück zum Seitenanfang
Sektenbegriff
Eigentlich ist der Begriff
Sekte für Gruppen, in denen man die eigene Freiheit verliert und
immer abhängiger wird, umstritten. In der umgangssprachlichen
Verwendung ruft der Begriff Sekte, meiner Meinung nach, auch zu
Vorsicht und Wachsamkeit, in diesem Sinne verwende ich ihn.
Diesen Begriff verwende ich also, um für Vorsicht und Achtsamkeit
zu werben, um aufmerksam und munter zu machen, wenn sich offene,
interessierte oder suchende Menschen, auf buddhistische Gruppen
einlassen oder schon eingelassen haben.
Das ist vielleicht etwas gewagt, ok.
Ich verwende ihn nicht für:
- die Diffamierung von Gruppen
- Pauschalurteile
- im christlich-religiösen Kontext
- im Zusammenhang, dass manche von den tibetischen
‚Sekten’ der Nyingma, Gelugpa, Kagyupa oder Sakyapa Schule
sprechen.
Georg Schmid erklärt die Etymologie des Begriffes wie folgt:
»Das Wort Sekte geht
auf das lateinische ‚secta’ zurück, welches vom Verb
‚sequi’ - ‚folgen’ i.S.v. ‚einem Meister
nachfolgen’ abzuleiten ist. Die Etymologie betont damit ein
wesentliches Merkmal sektenhafter Gruppen. Die nicht selten zu
hörende Ableitung vom Verb ‚secare’ -
‚abtrennen’ ist historisch gesehen sekundär und einem
veralteten kirchlichen Sektenbegriff von der Sekte als Abspaltung von
der Kirche verpflichtet. Effektiv sind die allermeisten heutigen
Organisationen, die eine erhöhte Sektenhaftigkeit aufweisen,
Neugründungen und nicht Abspaltungen von einer anderen
Organisation. Neu mit Sinn gefüllt werden könnte die
Ableitung von 'secare' dann, wenn sie als 'sich von der umgebenden
Gesellschaft abtrennen' verstanden wird.«**
Sektenstrukturen, Sekten und
Sektenführer gibt es aber nicht nur im religiösen
Kontext. Diktaturen, Wirtschaftssekten,
Psychosekten, sektenhafte Strukturen in Familien usw. weisen ganz
ähnliche Merkmale auf. Überall wo Menschen zusammenleben,
können sektenhafte Strukturen entstehen. Die Strukturen
entwickeln sich aus Schwächen des menschlichen Geistes heraus und
entfalten ihre Wirkung in wechselseitiger Beziehung der Mitglieder
untereinander. Letztlich werden solche Strukturen von allem
aktiven Mitgliedern mitgetragen, wobei diese selbst die Mechanismen
dieses abhängig machenden Systems kaum durchschauen und
Kritik von außen selten nachvollziehen können und als
Angriff deuten.
Eine Gruppe kann
‚versekten’ und bei kritischer Selbstreflexion auch wieder
‚entsekten’. Entscheidend für die gesunde Entwicklung
sind Offenheit, Ehrlichkeit, Wissen und die Fähigkeit zur
selbstkritischen Analyse.
Weiteres:
Sektierertum
Im Hinduismus ist eine sektiererische
Einstellung definiert als: alle Haltungen, die Menschen voneinander und
dadurch auch vom Mysterium trennen und glauben sich erheben zu
können. Im tibetischen Buddhismus gibt es keinen Begriff für
Sekte, was von manchem tibetischen Buddhist als Indiz gewertet wird, es
gäbe soetwas nicht im (tibetischen) Buddhismus. Aber nur weil es
keinen Begriff gibt, heißt das nicht, dass ein Phänomen
nicht existiert, ein Baby z.B. existiert auch ohne einen konkreten
Namen zu haben...
Buddha:
»Die
Konsequenzen religiösen Sektierertums sind weitaus schlimmer, als
Heilige zu töten oder so viele religiöse Denkmäler zu
zerstören, wie es Sandkörner im Ganges gibt.«
Geshe Ngawang Dhargyey
kommentiert diesen Vers: Indem wir gering schätzend
(verächtlich) über andere religiöse Systeme sprechen,
begehen wir den schweren Fehler des Dharmaaufgebens.
Religiöses Sektierertum zerstört den Grundstein des spirituellen Weges.
In seiner Darlegung über "Buddhismus ohne Sektierertum" schreibt Ven. Deshung Rinpoche
»...erkenne und
vermeide die Gefahr geistiger Engstirnigkeit. Sie manifestiert sich in
Kreisen der Sangha in der Form von Sektierertum: eine parteiliche
Einstellung, eine Tendenz, verblendete Anhaftungen an das eigene
religiöse System zu entwickeln und andere Schulen des Buddhismus
als unterlegen abzulehnen. Ich habe diesen engstirnigen Geist, der dem
Buddhismus abträglich ist, in meinem eigenen Land Tibet,
während der letzten 20 Jahre meines Aufenthalts in Amerika
gesehen, und ich habe sein Anwachsen auch in den vielen
Dharmazentren gesehen, die hier von tibetischen Lehrern und ihren
Schülern gegründet wurden. Ich beobachte immer mit Besorgnis,
dass Sektierertum sich in Dharma-Zentren verwurzelt.«
Ven. Deshung Rinpoche bezieht sich in seiner Dharma-Rede auf Jamgon Kongtrul den Großen und zitiert ihn:
»Der Weise
wird Vertrauen in die Lehren aller Schulen haben, wird den Dharma, den
er in jeder von ihr findet, lieben, gerade so wie eine Mutter all ihre
Kinder liebt. Der Geist einer weisen Person ist weit wie der Himmel,
mit Raum für viele Lehren und Unterweisungen, mit Raum für
viele Einsichten und viele Arten der Meditation. Aber der Geist des
ignoranten Sektierers ist begrenzt, angespannt und eng wie eine Vase,
die nur wenig aufnehmen kann. Wegen der selbst auferlegten Begrenzungen
ist es schwierig für so einen Geist im Dharma zu wachsen. Der
Unterschied zwischen dem weisen und dem sektiererischen Buddhisten ist
wie der zwischen der Weite des Raumes und der Enge einer Vase.«
So sollte man, weder andere
buddhistische, noch nicht-buddhistische Schulen aus Anhaftung an das
eigene religiöse System zurückweisen, noch sollte man
sie aus Abneigung, Stolz oder Verachtung ablehnen. Ven.
Deshung Rinpoche erläutert, dass das gegen Buddhas Lehren ist
und anderen und vor allem dem eigenen spirituellen Weg nur Schaden
zufügt: "Sektierertum zerstört den Grundstein unseres
spirituellen Weges."
Weiteres:
↑ zurück zum Seitenanfang
Wer fällt auf eine "Sekte" herein?
"Auf eine 'Sekte' kann jeder hereinfallen,
eine Sekte kommt sanft zu dir oder du zu ihr. Sie kommt in einem
versteckten Gewand, es ist nicht so, dass dies offensichtlich ist."
Ex-Mitglied einer buddhistischen Gruppe
Steven Hassan,
Psychologe und Austrittsexperte, der mit mehr als 1000 ehemaligen
Mitgliedern unterschiedlichster Gruppen arbeitete, schreibt in seinem
Buch "Ausbruch aus dem Bann der Sekten", dass die von ihm betreuten
Aussteiger zwischen 12 und 85 Jahre alt waren. Manche von ihnen
hatten bereits vor ihrem "Sekten"eintritt ernstliche emotionale
Probleme, doch die meisten seien stabile, intelligente und
idealistische Menschen mit guter Bildung gewesen, die aus angesehenen
Falimilien kamen - engagierte und motivierte Menschen. Für
effektive Organisationen seinen diese auch wichtig, weil sie besonders
belastbar sind und zudem Facharbeit für die Gruppe/Organisation
leisten, ohne dass diese für diese Dienste bezahlen muss. Zudem
verleihen Profis der Gruppe ein höheres Ansehen und stellen den
Erfolg sicher. Es ist also nicht verwunderlich, dass auch Akademiker (wie z.B. Anwälte) "Sekten" unterstützen oder deren
Mitglieder sind oder bekannte künstlerische Größen, wie Madonna, Anne Archer oder Tom Cruise.
Auf die Frage, ob ein Betroffener aus einer typischen "Problemfamilie"
kommen müsse, antwortet Steven Hassan, klar mit nein.
»Jeder kann in eine
Sekte geworben werden, egal aus welchen familiären
Verhältnissen er stammt. Der ausschlaggebende Grund ist hier
nicht die Familie des zu Werbenden, sondern die Geschicklichkeit des
Werbers.« Steven Hassan
Nach Magaret T. Singer*** "zeigt die Forschung, dass etwa zwei Drittel aus normalen,
funktionierenden Familien stammen und zur Zeit ihres Eintritts
altersgemäßes Verhalten aufwiesen. Von dem restlichen
Drittel hatten nur ca. 5-6 % vor dem Eintritt in die Sekte ernsthafte
psychische Schwierigkeiten; die übrigen hatten eine
diagnostizierbare Depression, die mit persönlichen Verlusten
zusammenhing...oder sie steckten in alterspezifischen sexuellen oder
berufsbezogenen Konflikten."
»Entgegen der gern
geglaubten Fiktion, normale Menschen würden nicht auf
Sekten reinfallen, ist im Laufe der Zeit klar geworden, dass jeder
für die Verführungskünste dieser meisterhaften
Manipulateure anfällig ist.« Margaret T. Singer (weltweit
anerkannte Expertin für Cults und Mind control; arbeitete über 30 Jahren mit mehr als 3000 aktiven und ehemaligen Sekten-Mitgliedern)
↑ zurück zum Seitenanfang
Manipulation, Indoktrination, Bewusstseinskontrolle?
Nach Steven Hassan wäre zu bedenken,, dass "Sekten" über ausgefeilte Systeme der Bewusstseinkontrolle (mind control)
verfügen, die die subtilsten Wünsche und Sehnsüchte der
Menschen ansprechen und dass eine stufenweise, kaum durchschaubare und
dem Tempo des neuen Anwärters angepasste, Indoktrination stattfindet.
Dass eine "stufenweise, kaum durchschaubare und dem Tempo des neuen
Anwärters angepasste, Indoktrination stattfindet", dem kann ich
aus eigener Erfahrung völlig zustimmen. Allerdings habe ich
Probleme mit dem Begriff "Bewusstseinkontrolle" und der häufigen
Annahme, die in einer "Sekte" erfahrene Manipulation, sei bewusst vorgenommen worden, also in voller Kenntnis dessen, dass der Andere manipuliert wird.
"Mind control" im Sinne von Gedankenkontrolle und damit der Arbeit an
den negativen Emotionen, ist ein Kern der buddhistischen Anwendung und
sicher auch jeden geistigen (spirituellen) Trainings. Gefährlich
wird es meines Erachtens erst, wenn die Mittel der "Gedankenkontrolle"
die Wirklichkeit verzerren, ausblenden oder leugnen. Ziel im Buddhismus
ist, die Wirklichkeit zu sehen, wie sie ist.
Betrachtet man geistige Lehrer (incl. manche Psychologen, Politiker,
Manager u.a. Persönlichkeiten), die schließlich
Missbrauchstendenzen entwickeln, und deren Gefolgschaft, kann man
meines Erachtens folgendes beobachten:
Solche geistigen Lehrer verfügen in der Regel über
große innere als auch fachliche Qualitäten und
intuitive Fähigkeiten. In ihren zwischenmenschlichen
Beziehungen erkennen sie mitunter sehr genau die Blockaden im
Anderen (ihre Schwächen), sie besitzen zudem
Erklärungsmodelle für die Zusammenhänge der Welt, des
Seins, ihres Fachs usw., was sie für ihre Anhänger ja auch
erst einmal so wertvoll macht. Anfänglich sind solche Lehrer -
vielleicht - mit aufrichtiger Absicht und gutem Willen angetreten,
anderen nützlich zu sein und ihre Fähigkeiten für andere
wirksam einzusetzen. Im Laufe der Zeit mag sich dann aber ein
Gefühl eingeschlichen haben, etwas ganz Besonderes zu sein, besser
als andere - eventuell verbunden mit inneren Visionen, Träumen,
von denen man einen "Missionsauftrag" ableitet. Die hingebungsvolle und
staunende Anhängerschaft tut ein Übriges zur allmählich
verzerrter werdenden Selbst-Wahrnehmung des Lehrers, indem sie ihn
bedingungslos und kritiklos anhimmelt und emporhebt, naiv bewundernd
verabsolutiert. Dadurch erhält der Lehrer eine Machtposition, in
die ihn letztlich seine eigenen Anhänger brachten.
Machtgefühle sind extrem verführerisch. Ist die
Persönlichkeit des Lehrers nicht weit genug entwickelt, wird das
verführerische Gefühl der Macht Kontrolle über ihn
erlangen und er wird alles tun, um die Macht zu bewahren, zu
vergrößern und nicht zu verlieren, was dann zu den
entsprechenden rücksichtlosen Handlungen führt, die andere
als Missbrauch erfahren. Im wechselseitigen Spiel, von zunehmend
überzogenem Selbstbildnis der eigenen Größe des
Lehrers und dem naiven Anhimmeln und Emporheben des Lehrers durch die
Gefolgschaft, entfaltet sich dann eine zunehmende Tendenz zur
Verherrlichung und Verabsolutierung des Anführers, einhergehend
mit Unfähigkeit zur Selbstkritik. Die Vorstellung eigener
Größe und Unfehlbarkeit drückt sich nach
außen so aus, dass ein solcher Lehrer keine Person im
eigenen Umfeld auf gleicher Ebene zulassen kann, noch andere
spirituelle Persönlichkeiten, die höher als er selbst
gestellt sind, die ihm überlegen sind, aufrichtig
wertschätzen kann. Im Gegenteil, er erkennt
deutlich Mängel in ihm überlegenen Personen und
hält sich für höher und weiter entwickelt als sie.
Maximal dienen ihm überlegenen Persönlichkeiten als
eine Stärkung des eigenen Ich, als eine Art Schmuck, indem
man sich mit deren Namen und (oft manipulierten) Aussagen ziert, wie es
z.B. Shoko Asharas (AUM Sekte) mit S.H. dem Dalai Lama tat. Die Anhänger wiederum
können sich durch das übertriebene Bild der
Makellosigkeit des Anführers, in Gefühlen der
Sicherheit, Geborgenheit und vollkommen verlässlicher Orientierung
und Führung wiegen. Sie haben eine Art äußeren Halt
durch den Anführer gefunden. Der unfehlbare Lehrer dient als
sicherer Anker in einer zunehmend als orientierungslos und chaotisch
erfahrenen Welt. So können "aufrichtige" Anhänger, Kritik am
Anführer weder verstehen noch zulassen. Sie können sich
selbst nach Missbrauch oder der Erkenntnis, dass einiges schief
läuft, nur schwer von ihm trennen, da sie ihren
äußeren Anker verlieren würden und keinen inneren
Anker in der Zeit ihrer Anhängerschaft gefunden haben.
Steven Hassans Ansätze implizieren nach meiner Beobachtung zu
sehr, dass die Manipulation, die in einer "Sekte" stattfindet -
mitunter auch als "Gehirnwäsche"
bezeichnet - bewusst vorgenommen wird. Das erscheint mir
dann doch zu vereinfachend. "Manipulation" muss kein bewusster
Prozess sein. Es wird meines Erachtens eher selten vorkommen, dass ein
Anhänger oder Anführer einer "Sekte" denkt: 'den manipuliere
ich mal'. Was ehemalige Mitglieder von "Sekten" später als
Manipulation bezeichnen, ist meines Erachtens eher ein unbewusster Prozess
in der Gruppe, den der ehemalige Anhänger genauso mitgetragen hat. (Allerdings kann auch nicht ausgeschlossen werden, dass eine sehr durchtriebene Person bewusst andere Menschen manipuliert und dabei äußerst planvoll vorgeht und dass dann die Anhänger diese Manipulationsmechanismen bewusst oder unbewusst übernehmen und anwenden.)
Gruppen mit Sektenstrukturen, deren Mitglieder und Anführer
glauben absolut an sich. Sie sind absolut von der Makellosigkeit
ihrer lauteren/höheren Absicht und ihres Tuns überzeugt.
Sie haben zuerst in sich selbst ein geschicktes und effizientes
geistiges System zur Erlangung einer völligen
Überzeugung in Bezug auf die makellose Heilsaktivität
der Gruppe und ihres vollkommenen und selbstlosen Lehrers
(Anführers) entwickelt.
Sie entwickelten also
zuerst in sich, in Bezug auf die eigene Person, effektive innere
Methoden der Manipulation von Gedanken, Gefühlen, Informationen,
Beobachtungen und Erfahrungen hin zu einer gewünschten "guten"
Wirklichkeit.
Zusätzlich verstehen sie sich als auserwählter Teil
dieser Sache, die nur wenigen zuteil wird. (Erzeugt freudige und teils
euphorische Gefühle.) Mit dieser inneren Kraft können
sie überzeugend und selbstbewusst auftreten und vermitteln
ein Gefühl von Zuversicht und Sicherheit an Außenstehende.
(Wirkt für Außenstehende wie starkes Selbstvertrauen oder
auch Arroganz.) Aus der inneren Überzeugung "richtig" zu sein und
dem Haften an diesem Gedanken, entsteht ein Zwang, sich und anderen das
permanent zu beweisen. (Wirkt für Außenstehende mitunter als
verbohrt und fanatisch, mitunter glasige Augen, starrer Blick oder wie
in einer anderen Welt lebend; kann sich aber auch als völlige
Gleichgültigkeit gegenüber den Ansichten,
Erfahrungen und Meinungen anderer äußern.)
Dieser Zwang, beweisen zu müssen, wie großartig oder
einmalig der Anführer/die Gruppe ist und das Geschick in der
Eigenmanipulation, lässt spontan und unbewusst die Talente
für die Manipulation anderer Menschen entstehen, sie auf die
eigene Wahrnehmung zu trimmen. Beim Leiter und engen Mitarbeitern
werden diese manipulativen Fähigkeiten mitunter durch Gefühle
der Macht - bzw. der Gier nach Macht (Geld oder Sex)
- zusätzlich beflügelt.
Die Manipulationen, die in der Tat vielfältig, geschickt und
schwer zu durchschauen sind und zu der auch Täuschung in der
Mitgliederwerbung gehört, können also sehr wohl auch intuitiv
und unbewusst angewandt werden und sind mitunter nicht einmal für
den Anwender der Manipulation selbst durchschaubar. Im Gegenteil,
er/sie würde den Vorwurf der Manipulation weit von sich weisen, aus tiefster innerer Überzeugung in die
eigene Makellosigkeit, "gute Motivation" und völliger Verkennung
der Wirklichkeit.
»Jeder Betrüger wird zunehmend effektiver, je mehr er an sich selbst glaubt.« L. Shainberg (Tricycle Winter 97)
»Die Lust am Betrug und am Selbstbetrug eint Täter und Opfer. Nicht selten glaubt der Scharlatan selbst, was er sagt; das lernt er im Lauf seiner Karriere - nicht
zuletzt, weil seine Kundschaft ihm fanatisch anhängt. Dabei ahnen
alle die Gefahr. Doch die Hoffnung auf eine wunderhafte Wendung scheint
ihnen immer noch trostreicher als der Trott des gesunden
Menschenverstandes. Strenger ausgedrückt: Es ist erbärmlich
anzusehen, wie die Menschen nach Wundern schnappen, um nur in ihrem
Unsinn und Albernheiten beharren zu dürfen, und um sich gegen die
Ohnmacht des Menschenverstandes und der Vernunft wehren zu
können.« J.W. von Goethe, 1791
Im Mittelpunkt der "Sekte" steht natürlich der Anführer und dessen (charismatische) Persönlichkeit.
»Ein angehender Guru
kann eine ganze Reihe von Visionen haben, doch eine einzige unter ihnen
dient in der Regel als entscheidende Erleuchtung und als heiliger
Auftrag für eine besondere spirituelle Mission. Das darf man nicht
als eine reine Angelegenheit der Berechnung und des Betrugs
missverstehen: Für den Erfolg eines Gurus ist eine starke innere
Überzeugung unerlässlich. Doch diese kann durch grandiose
Ziele und eine Neigung zur Manipulierung anderer beträchtlich
gesteigert werden, der wiederum durch eindrucksvolle Demonstrationen
übernatürlicher Fähigkeiten nachgeholfen werden
kann.« Robert Jay Lifton, prominenter US-amerikanischer Psychiater
»Für mich liegt
es auf der Hand, dass manche Sektenführer einen
Minderwertigkeitskomplex und eine anti-soziale Persönlichkeit
haben. Obwohl viele Sektenführer materiellen Reichtum anstreben
und brauchen, denke ich, dass sie in Wirklichkeit Aufmerksamkeit und
Macht suchen. Macht kann in der Tat extrem süchtig machen.«
Steven Hassan.
Nach Hassan
überträgt sich die Persönlichkeit des
"Sektenführers" mit ihren Stärken und Schwächen
allmählich auf die Anhänger und führt zu der
beobachtbaren Gleichschaltung der Anhänger.
Eines von Steven Hassan's Merkmalen für Sekten, "Meister der Unschärfe" zu sein, ist mit großer Wahrscheinlichkeit auch eine perfektionierte Fähigkeit des erfolgreichen "Sekten-Anführers" oder "Sekten-Gurus". Diese dürften enorm geschickt sein, Details, die ihre zurechtgebogene Laufbahn sichtbar machen könnten oder ihre selbst-proklamierte Kompetenz oder angenommene "heilige Identität" in Frage stellen könnten durch Unschärfen verschwimmen zu lassen, so dass es schwer fällt zu unterscheiden, was ist hier richtig oder falsch, wahr oder gelogen. Wahrscheinlich ist es nicht falsch zu behaupten, dass solche erfolgreichen Sekten-Anführer auch 'Meister der Hochstapelei' sind und entsprechend die Kunst der Hochstapelei beherrschen. Diese "Kunst der Hochstapelei" liegt nach Aufassung des Rechtswissenschaftler Rainer Maria Kiesow:
»in der Auflösung der Unterscheidung von wahr und falsch, in der perfekten Ausfüllung einer Rolle [...], eine Kunstfertigkeit, die es schwer macht, nachträglich zu beweisen, was wahr war und was nicht.«
Für die Kunst der Hochstapelei
»ist gerade kennzeichnend, dass Wahrheit und Lüge nicht so leicht auseinanderzuhalten sind, ja dass sich die Differenz selbst in Nichts auflöst, zumindest im Dunkeln bleibt.«
Im Umkehrschluss bedeutet dies, dass es enorm mühsam und arbeitsintensiv ist, Licht in das geschaffene Dunkel zu bringen und die Tatsachen so zu sehen wie sie sind.
siehe auch:
Hinweis zum Begriffsgebrauch:
An wenigen Stellen verwende ich den Begriff "Indoktrination" oder
"Manipulation". Verzichtet habe ich dagegen ganz auf die Verwendung des
Begriffes "Bewusstseinskontrolle", da er mit der bewussten und
gezielten (geplanten) Manipulation verbunden ist, was nicht immer
der Fall sein muss und bei buddhistischen Gruppen wohl eher nicht
vorkommt. Sicher lohnt es sich für die eigene Erforschung dieses
weiten Feldes, auch den Begriff der Demagogie näher zu untersuchen. Ein altes Märchen, das das Motiv von
Betrug und Selbstbetrug aufgreift, stammt von H.C. Andersen: "Des Kaisers neue Kleider".
↑ zurück zum Seitenanfang
Neue Religiöse Bewegung - Anti-Kult-Bewegung - Sekte - Psychogruppe
Nachdem sich in den späten 1960/70er
Jahren im Westen zunehmend neue religiöse Gruppen formieren,
entwickeln sich als Antwort auf Fehlentwicklungen in bestimmten Gruppen
und wahrgenommenem Schaden, Selbsthilfegruppen oder Organisationen, die
auf die Gefahren und Risiken bestimmter religiöser Gruppen und
ihre Methoden aufmerksam machen wollen. Sie betonen dabei den Schaden,
den diese neuen religiösen oder spirituellen Gemeinschaften ihrer
Meinung nach den Mitgliedern und deren Familien zufügen und
prägen im englischen Sprachraum den Begriff 'Cults' (Kulte).
Unterstützung erhalten sie von besorgten Eltern und ehemaligen
Gruppen-Mitgliedern. Diese Gegen-Organisationen werden sehr
einflussreich. Sie werden von Regierungen angehört und fordern
nicht nur Aufklärung über die 'Gefahren von Kulten' sondern
auch aktive Maßnahmen gegen sie - z.B. in den USA und Frankreich.
Einige Wissenschaftler wiederum sehen in
dieser Entwicklung, in bestimmten Methoden (wie 'Deprogrammierung') und
Theorien (wie 'Gehirnwäsche') und dem Einfluss der Kritiker neuer
religiöser Gruppen eine Fehlentwicklung. Sie kritisieren sowohl
deren konzeptuellen Ansätze als auch, das der verfolgte Ansatz zu
einer ungerechten Diskriminierung und Einschränkung
religiöser Freiheiten führe. Als Antwort gründen sie
u.a. Vereinigungen, die einen balancierteren und neutraleren,
beschreibenden Ansatz der neuen religiösen Bewegungen (NRM) verfolgen und treten bewusst an die Öffentlichkeit. Sie
prägen nicht nur den Begriff 'Neue Religiöse Bewegungen'
sondern fassen die Gruppen, die 'Cults' stark kritisieren, als
'Anti-Cult-Movement' (ACM) zusammen. Zwischen beiden Lagern kommt es zu
heftigen Unstimmigkeiten, wechselseitiger Kritik und zu
Machtkämpfen, die teilweise heute noch bestehen. (siehe z.B. CIC-Gegenstandpunkte)
In Europa kann man sicher CESNUR und INFORM als die wesentlichen Motoren des wissenschaftlichen und 'Anti-Cult-Movement'-kritischen Ansatzes sehen. FAIR, CIC oder FECRIS werden in der Encyclopedia of New Religious Movements (Hrsg. Clarke, Routledge, 2005) der 'Anti-Kult-Bewegung' zugeordnet und eher kritisch beschrieben. ICSA (American Familiy Foundation - AFF) wird in der Encyclopedia of New Religious Movements ebenso der ACM zugeordnet (S. 32). Autor Barrett fügt in seinem Artikel jedoch hinzu, dass AFF seit den späten
1990ern im Dialog mit den ihnen opponierenden Wissenschaftlern sind -
die sie dem 'Pro-Cult-Camp' zuordnen - und dass AFF offen sei für
einen breiten wissenschaftlichen Ansatz. (S. 26 ebd.) So greift denn
auch die AFF-Homepage den akademischen Disput in einer Reihe von Artikeln auf: Academic Dialogue and Disputes.
Mein Eindruck ist, dass alle Seiten einen
interessanten und relevanten Blickwinkel auf sog. Neue Religiöse
Bewegungen oder sog. Kulte/Sekten werfen. Während man der einen
Seite, den 'Anti-Kult-Bewegungen', vorwerfen kann, sie würden nur
Negatives in Kulten sehen und zu ihrer Diskriminierung und Panikmache
beitragen, kann man der anderen Seite vorwerfen, sie würden NRM's
'reinwaschen', weil sie eben eher nicht die destruktiven Strukturen und
Gefahren untersuchen oder betonen oder Modelle vorstellen, die die
Wirkmechanismen destruktiver Entwicklungen erklären können.
Im positiven Sinn helfen m.E. die Anti-Kult-Bewegungen auf die
potentiellen Gefahren und Wirkmechanismen dieser Gruppen hinzuweisen,
und die wissenschaftliche Forschung hilft, eine neutrale Perspektive zu
bewahren, zu Objektivierung und 'Nicht-Hysterie' zu finden und Gruppen
vor Pauschalisierung und Stigmatisierung zu schützen.
Aus der Perspektive eines Betroffenen finde ich beide Ansätze hilfreich.
In Deutschland etabliert sich eher der Begriff "Sekte".
Die Bundesregierung stellt sich dem Thema durch das Berufen einer
Enquete-Kommission "Sogenannte Sekten und Psychogruppen". Im Jahr 1998
legt die Enquete-Kommission ihren Endbericht vor. (Für einen schnellen Überblick siehe Kapitel 6, Seite
148: "Stellungnahme und Handlungsempfehlungen".) Der Senat von Berlin
veröffentlicht im Jahr 2002, die - meines Erachtens sehr
hilfreiche und balancierte - Broschüre "Alles Sekte - oder was?",
die auch den Bericht der Enquete-Kommission zusammenfasst und
berücksichtigt. Durch die Attentate des '09/11' in New York und
die Ansiedlung einer Scientology-Dependance in Berlin, erfährt das Thema "Sekten" auch in Deutschland wieder Aufwind.
Theorien, die aus wissenschaftlicher Sicht
sicher berechtigt von einer Mehrzahl an Wissenschaftlern
zurückgewiesen werden - wie z.B. das dreistufige Modell von
Michele Del Re durch Massimo Introvigne (CESNUR): 1. 'Isolierung der
Person', 2. 'Indoktrination', 3. 'die Person in einem Zustand
völliger Abhängigkeit zu halten' machen für einen
Betroffenen durchaus Sinn - reflektieren z.B. sein subjektives Erleben
- und können zu einem Verständnis für die Dynamiken des
Prozesses beitragen. Dasselbe gilt für Singer's Beschreibungen von
Kulten und den Gefahren, die für die Freiheit und die Entfaltung
des Individuums ausgehen. Während einige Wissenschaftler das Wort
'Gefahren von Kulten' in Hochkomma setzen und mitunter einen Schaden
für das Individuum leugnen (ein Sektenbeitritt und - austritt
würde sich nicht von einem Parteibeitritt oder - austritt
unterscheiden), wird ein Schaden auf subjektiver Ebene sehr wohl von
ehemaligen Sekten-Mitgliedern oder Wissenschaftlern (wie Singer)
beschrieben. Ein Schaden und Missbrauch, der sich sehr tief in ihr Sein
und Leben einschneidet und eben nicht einem Parteibeitritt oder -
austritt gleicht. Eventuell ist dieses Leid aber wissenschaftlich nicht
erfassbar und wird deshalb ignoriert oder nur von eher
mitfühlenderen Naturen erfasst?
Der Endbericht der Enquete-Kommission und die Broschüre des Berliner Senats sehen sehr wohl ein Schadpotenzial für den Einzelnen, gesamtgesellschaftlich hingegen konstatiert der Bericht der Enquete-Kommission: "Zum
gegenwärtigen Zeitpunkt stellen gesamtgesellschaftlich gesehen die
neuen religiösen und ideologischen Gemeinschaften und
Psychogruppen keine Gefahr dar für Staat und Gesellschaft oder
für gesellschaftlich relevante Bereiche." (S. 149 ebd.) Der
Sachverständige Dipl. Psych. Werner Gross fasst die Arbeit und Ergebnisse der Enquete-Kommission in einem Artikel
"Konfliktentschärfung und Versachlichung" (Report Psychologie
8/98, S. 604-6) zusammen. Er schreibt u.a.:
"Immer wieder war die Enquete-Kommission
in der Schußlinie von Interessengruppen und Medien. Die einen
forderten, man solle 'die Sekten endlich verbieten', die anderen warfen
dem Gremium vor, sie seien 'Hexenjäger' und 'neuzeitliche
Inquisitoren'."
"Andererseits hat die Enquete-Kommission
in ihrer Arbeit festgestellt, daß der Einzelne und sein soziales
Umfeld erheblichen Problemen ausgesetzt sein kann. Aussteiger aus
geschlossenen organisierten Gruppen berichteten von schweren
familiären Konflikten, finanziellen Abhängigkeiten,
psychischen und physischen Schädigungen, starken
Einschränkungen der persönlichen Freiheit."
Konzepte wie 'Gehirnwäsche'
und 'Psychomutation', die eine 'Sektenkonversion' erklären sollen,
sind nach den Erkenntnissen der Enquete-Kommission aufzugeben. Werner
Gross erläutert:
"Vielmehr sind Verhaltens- und Denkweisen,
die von außen als Folgen einer wie auch immer gearteten
Manipulation wahrgenommen werden, psychologisch als Folgen einer
ungewöhnlich starken Bindung des Einzelnen an eine Gemeinschaft zu
verstehen, die ein hohes Maß an Sozialkontrolle ermöglicht
und hohe Investitionen an Zeit, Geld und Dienstleistungen von
Mitgliedern fordert. So kann es im Zusammenhang mit der
Zugehörigkeit zu neuen religiösen und ideologischen
Gemeinschaften und Psychogruppen zu Formen massiver psychosozialer
Abhängigkeit kommen, zumal wenn dies durch bestimmte Techniken und
Therapieformen zusätzlich gestützt und gefördert wird.
Die Eigenaktivität und Selbstbestimmung des Einzelnen ist zwar
deshalb nicht aufgehoben, kann aber dadurch massiv überlagert
werden."
Trotz der Überholtheit bestimmter
Konzepte verwende ich manchmal Begriffe wie 'Gehirnwäsche' oder
'Deprogrammierung', einfach um Worte zu haben, die bestimmte Prozesse
beschreiben, die mit der Involvierung in sog. 'Sekten' / destruktive
Kulte verbunden sind. Aus meiner Erfahrung (und auch wie es häufig
von 'Anti-Kult-Gruppen' oder Ehemaligen beschrieben wird) installieren
abhängig machende Führer / Gruppen stufenweise Doktrinen /
Konzepte im Mitglied, die die geistige und damit physische Freiheit des
Individuums immer mehr einschränken - indem sie z.B. Ängste
und Schuldgefühle erzeugen - die Person mental oder physisch vom
äußeren Umfeld isolieren und immer stärker an den
Führer / die Gruppe binden. Es ist dieses erlernte geistige
freiheitsbeschränkende System, was nach dem Verlassen einer
solchen Gruppe hinterfragt und abgelegt werden muss, wenn man seine
geistige Freiheit zurück erlangen möchte. Da dieses
abhängig machende System nicht nur auf psychologischen Prozessen,
sondern auch auf Lehrdoktrinen beruht, ist auch eine inhaltliche
Auseinandersetzung mit der Ideologie / Religion der Gruppe nötig,
um diesen Prozess vollends zu verstehen. Eine inhaltliche
Auseinandersetzung oder Kritik an der Lehre Neuer Religiöser
Bewegungen oder 'Sekten' wird aber z.B. von INFORM und CESNUR
abgelehnt. Das mag fair für die NRMs sein, hilft aber sicher nicht
Betroffenen oder Opfern. Von daher hat m.E. nicht nur der
wissenschaftliche Ansatz seine 'Existenzberechtigung', sondern auch
'Anti-Kult'- und 'Counter-Kult'-Bewegung haben diese. (Die sog.
'Counter-Kult-Bewegung' (CCM) fokussiert sich eher auf eine Kritik der
Lehren von NRM/'Sekten' aus religiöser - meist christlicher -
Sicht.)
Als schädigender Faktor für den
Einzelnen können neben verqueren (freiheitseinschränkenden)
religiösen Konzepten, auch emotionale Manipulationen hinzukommen,
die einem Missbrauch von Macht und finanzielle, arbeitszeitliche oder
sexuelle Ausbeutung unterstützen. Die 'seelischen Wunden' des
Vertrauensmissbrauchs verheilen nur sehr langsam und können einen
langwierigen und schwierigen Heilprozess erfordern. Natürlich sind
beide Seiten an so einem Prozess beteiligt - aber nicht jeder Suchende
ist ein Psychologe oder besitzt die Fähigkeiten, sich selbst zu
schützen und diese Prozesse zu durchschauen.
Wenn mein Eindruck mich nicht täuscht,
kritisieren manche Aufsätze von Wissenschaftlern, z.B. von
Introvigne (CESNUR), die 'Anti-Kult-Bewegung' oder auch Singer so stark
(einseitig), dass sie m.E. dabei übersehen, dass diese durchaus
Wertvolles und Überdenkenswertes beizutragen haben. Die Sorge der
'Anti-Kult-Bewegung' um die Freiheit des Einzelnen ist ebenso berechtigt wie die eigene Sorge um die Freiheit religiöser Gruppen.
Die 'Anti-Kult-Bewegung' oder sie unterstützende Wissenschaftler
besitzen das gleiche Recht auf faire Behandlung, wie sie es Neuen
Religiösen Bewegungen zukommen lassen möchten. Auf der
anderen Seite scheinen einige Gruppen der 'Anti-Kult-Bewegung' mitunter
zu sehr feindselig gegenüber den Objekten ihrer Kritik zu sein. Im
positiven Sinne kann man für alle Seiten konstatieren, dass ihnen
die Freiheit des Einzelnen oder die Freiheit der neuen religiösen
Gruppen sowie Aufklärung am Herzen liegt. Eigentlich eine edle
Motivation.
Eine weitere Strömung scheinen
'Anti-Anti-Sekten Bewegungen' zu sein, die Begriffe wie "Hexenjagd" und
"Inquisition" verwenden, um auf die wahrgenommene Einschränkung
religiöser Freiheiten und 'religiöse Intoleranz' aufmerksam
zu machen und 'Sektenstellen' und 'Sektenexperten' kritisieren. (siehe
z.B. Kritik an FECRIS oder diese interessante und spannende Trilogie: a) Meldung: "Sekten": Amstkirchen ignorieren Gerichtsurteile, b) WAMS-Artikel - 2006, c) detaillierter Hintergrund - 2007 und Maischberger Sendung - 2006)
Nach meiner Beobachtung ist sich INFORM der potentiellen Risiken, die von einigen NRMs ausgehen, bewusst. Neben
Faktenauskunft zu Gruppen (Broschüren), vermitteln sie
qualifizierte Beratung und bieten Fortbildungen an. In einem Poster, das für den Aushang an Hochschulen und Universitäten bestimmt ist und 'wach machen' soll, schreiben sie:
"PRÜFE ZUERST Nicht alle Pfade sind
gleichermaßen sicher. Einige Bewegungen versprechen die
Lösung zu den Problemen des Lebens, können dich aber mit mehr
Problemen zurücklassen als Du vorher hattest."
INFORM schreibt weiter, "Sie könnten:
- Unehrlich oder verschwiegen über ihre wahre Natur sein
- Viel mehr von deiner Zeit verlangen, als du erwartet hast
- Dich eine Menge Geld kosten und in Schulden zurücklassen
- Deinen Beziehungen mit Deiner Familie und Freunden schaden
- Dich emotional von der Gruppe abhängig machen, so dass Du es schwer findest, die Gruppe zu verlassen"
Persönlich haben mir eine 6 1/2 jährige intensive 'Sektenzugehörigkeit' (im Sinne von völlig auf das 'System' eingelassen)
eine 4jährige, aufreibende und intensive 'Deprogrammierungsphase'
abverlangt. Nach 6 1/2 Jahren Aufarbeitung kann ich für mich den
Heilungsprozess als abgeschlossen und die Erfahrungen als integriert
betrachten.
Der Abschluss und die Durcharbeitung meiner Erfahrungen und der Heilprozess war nur durch einen breiten Ansatz von
Hilfe möglich, dies schließt die Ausführungen oder
Gespräche mit christlichen Sektenexperten (Merkmale / Strukturen /
Wirkmechanismen von Sekten), qualifizierten buddhistischen Lehrern
(Auseinandersetzung mit den Lehrinhalten), Ehemaligen, der
'Arbeitsgruppe Sekten' der DBU, Kult-Experten (wie Singer oder Hassan), neutraleren wissenschaftlichen Ansätzen, wie den von INFORM, und Psychologen mit ein.
Von daher kann ich jedem Betroffenen nur
empfehlen, offen für die Inspiration und Hilfe verschiedener
Quellen und Ansätze zu sein, ohne sich erneut von Ideologien oder
Strömungen abhängig zu machen.
31. Oktober 2008
letzte Änderung: 9. Juli 2009
↑ zurück zum Seitenanfang
Ziel dieser Seiten
Was will will ich mit diesen Seiten erreichen?
Ich möchte die schützen, die aufgrund von einem naiven
Vorschussvertrauen blind in Gruppen hineinstolpern und fasziniert vom
Buddhismus, dem Dharma und dessen Wirksamkeit und Wahrheit, in
Strukturen hineinrutschen, die sie aus Mangel an Erfahrung, Mangel an
Wissen und Information oder inneren Dispositionen nicht als unheilsam
erkennen können und sich infolge dessen darin verfangen.
Diese Seiten sollen aufklären, zum Aussteigen ermutigen und schützen.
Besonders Jugendliche möchte ich schützen.
Jugendliche sind meist offen und frei, Dinge auszuprobieren und gehen
auch mit mehr Riskofreude an die Dinge des Lebens heran. Der Vorteil
einer solchen Heransgehensweise ist, das man schnell Dinge kennenlernt,
hinzulernt und zu Erfahrungen kommt. Meist ist die Herangehensweise
also unbekümmert. Aus meiner Beobachtung kann diese
Unbekümmertheit eine beitragende Ursache sein, in Dinge
hineinzuschlittern, aus denen dann nur schwer wieder herauszukommen ist.
Außerdem will ich Aussteigern eine Plattform, Trost, Schutz und Informationsquelle bieten.
Als ich von Buddhisten gefragt wurde, was mich geschützt
hätte, in eine Sekte zu rutschen, sagte ich spontan: "Die
Information, dass es buddhistische Sekten gibt und Kriterien wie man
sie erkennen kann." Denn obwohl ich mit einem Freund bei der
Sektenberatung war und von neun Kriterien acht auf die Gruppe zutrafen,
lies ich mir den Verdacht ausreden, weil die Lehrerin der Gruppe sagte:
"Buddhismus ist eine Weltreligion, keine Sekte. Was glaubst Du
weltlichen Menschen? Was denkst Du von einem Pfarrer erwarten zu
können, ausser Schlechtes über den Buddhismus?"
Was ich nicht will:
Diffamieren, den Buddhismus schlecht machen, Gruppen benennen oder bewerten.
Seine Heiligkeit der Dalai Lama sagte zwar, dass man Lehrer, die die
Lehren missbrauchen mit dem Namen benennen soll und sagen sollte: 'das ist nicht mehr Buddhas Lehre!' dies muß aber, denke ich, Aufgabe eines Ethikrates innerhalb der Deutschen Buddhistischen Union (DBU) sein.
Abspann
Ein Ausstieg ist möglich. Aber er kann sich aufgrund 'implantierter' Ängste, engstirniger und einengender religiöser Sichtweisen, emotionaler Verwirrtheit und der eigenen psychischen, emotionalen und finanziellen Abhängigkeit von der Gruppe und ihrem Führer als sehr schwierig gestalten. Die häufig anzutreffende Isolation/Abschottung von der Außenwelt und der Verlust von Beziehungen zu Menschen außerhalb der Gruppe (z.B. zu Familie & Freunden) verstärken die Schwierigkeit eines Ausstiegs. Wenn man ersteinmal sehr stark in eine destruktive Gruppenstruktur verwickelt und abhängig geworden ist, und man weder durch Ausschluss noch Herausholen von der Gruppe getrennt wird, ist man nach meiner Beobachtung erst
dann offen die eigene Sitiuation zu hinterfragen und den Mut für dieses Hinterfragen
aufzubringen, wenn das eigene Leid einfach nicht mehr verdrängbar
ist und unerträglich wird. Die Prozesse und Dynamiken entfalten sich ähnlich wie bei einem Suchtkranken.
Mir haben sehr viele Lehrer und vor allem S.H. der Dalai Lama, S.H
Sakya Trizin, Gesche Tenpa Choepel, S.E. Gangteng Tulku Rinpoche, Ngag
Chang Tenzin Dhonden Rinpoche und ganz besonders Dr. Alexander Berzin
und viele Buddhisten; als auch die Arbeit von Frau Rühle vom
Berliner Senat und einige gute Webseiten zu "Sekten" beim Ausstieg
geholfen. Dank an alle!
Genauso danke ich aber auch meinen vergangenen Lehrern, für das, was ich von ihnen lernte und lerne.
*Mit freundlicher Erlaubnis von Hans Erich Frey veröffentlicht. [↑ zurück ]
**auf Relinfo.ch [↑ zurück ]
***M.Singer, Sekten. Wie Menschen ihre Freiheit verlieren und wiedergewinnen können, Carl-Auer-Systeme Verlag [↑ zurück ]